Faust und das Wort
Von der Hochschätzung menschlicher Verständigung, wie sie uns in der Turmbaugeschichte entgegentritt, bis hin zu Faust scheint es ein ziemlich weiter Weg zu sein. Faust, im Studierzimmer, "drängt's den Grundtext aufzuschlagen … und in mein geliebtes Deutsch zu übertragen" (1220–1224). Welchen "Grundtext" Faust vor Augen hat – ob die damals weit verbreitete lateinische Übersetzung, die Vulgata, oder tatsächlich das Griechische, – wissen wir nicht. Jedenfalls schlägt er auf und beginnt zu übersetzen: Geschrieben steht: "Im Anfang war das Wort!" Faust hat das Johannesevangelium mit seinen bekannten Anfangsworten Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος, In principio erat verbum gewählt. Weiter kommt er nicht; seine Abneigung gegenüber dem Logos (λόγος, verbum, דבר) hindert ihn:
"Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin." (1125–1128)
Obwohl Faust sich ermahnt, die Feder im Zaum zu halten und nicht zu übereilen (1231), übersetzt er vom Geist getrieben den Logos-Begriff in wenigen Versen mit Sinn, dann Kraft und schließlich Tat. Der Gelehrte Faust erledigt dieses "ohne Argumente, ohne reflektierte Vergleiche" [1]. Abermals vom Geiste unterstützt (1236) sieht er Rat und schreibt getrost: "Im Anfang war die Tat!" Philologisch ist diese Übersetzung eine Fehlleistung. Obwohl die Bedeutungsbreite von λόγος enorm ist, kommt "Tat" darin nicht vor.[2]
Woher die Abneigung gegenüber dem Wort, besser gesagt den Wörten und genau gesprochen den leeren Wörtern, kommt, soll hier nicht vertieft werden. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Abrechnung mit der mittelalterlichen Scholastik und ihren Wortspielereien, die über den Worten die Tat vergaß. Eventuell liegt die Abneigung auch darin begründet, dass bei Johannes nicht von einem abstrakten Logos-Begriff oder einer Logos-Spekulation ausgegangen wird. Der Logos des Prologes ist das fleischgewordene Wort, Jesus Christus.
Wenn auch die Faust'sche Übersetzung philologisch problematisch ist, ist sie theologisch interessant. Sie ist interessant, weil die große Vielfalt der Bedeutungen von Logos theologische Ursachen hat. Für den antiken Orientalen gab es keine strikte Trennung zwischen dem Wort und der Sache; das gesprochene Wort trug immer auch die Bestätigung, die Ausführung, die Tat in sich. Ein Segen wirkte Segen, ein Fluch dagegen Fluch.
So verstanden kann man die Übersetzung des Logos-Begriffes mit "Tat" nicht a priori abweisen, ungewöhnlich bleibt sie allemal. Blickt man zurück auf die eingangs vorgetragenen Überlegungen zu Genesis 1 wird man auch hier zuerst das Wort und erst danach die Tat entdecken. Logisch ist das allemal und nach unserem Verständnis der richtige Weg: Die Tat folgt auf das Wort.
[1] A. Weber: Goethes "Faust" – Noch und wieder. Königshausen & Neumann, Würzburg 2005, S. 188.
[2] H. Ritt: Artikel λόγος, In: Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Bd. II, Sp. 880–887.
