Kommunikation im Alten Testament
Der Turmbau
Die Bibel steckt voller Kommunikation. Bereits im ersten Kapitel des ersten Buches (Genesis 1) wird im dritten Vers von einem Sprechakt berichtet: In einer Art creatio ex verbo wird das Licht erschaffen; es folgen – ebenfalls durch Benennen – weitere Elemente. Etwas später in Kapitel 2 spricht Gott mit den beiden ersten Menschen, Adam und Eva, die ihn verstehen und antworten. Schließlich mischt sich noch die Schlange in das Gespräch mit ein. Alle drei Parteien sprechen offensichtlich eine, nämlich die gleiche Sprache und verstehen einander.[1]
Insgesamt wird das Verb "sagen, sprechen" (אמר amar) im Alten Testament ca. 5.460 mal verwendet: Es spricht Gott zu den Menschen, diese mit ihm, Menschen sprechen miteinander, sogar Tiere versuchen, hilfreich ihrem Besitzer eine Mitteilung zu machen. Auch das Ergebnis dieser vielfältigen Kommunikationshandlungen wird mitgeteilt: Wir erfahren von gelungener und misslungener Kommunikation, von Sprechakten, die verstanden werden und zu einer Antwort bzw. Reaktion führen, aber auch von solchen, die zu unverstanden bleiben.[2]
Interessant in diesem Zusammenhang ist Genesis 11, die bekannte Geschichte von der Turmbauerzählung zu Babel. Die Geschichte ist klar gegliedert, wobei Vers 1 und 9 aufeinander Bezug nehmen: Zunächst hatte alle Welt "einerlei Sprache" (דברים אחדים siehe Genesis 2 und 3), am Ende der Geschichte jedoch sind die Sprachen der Welt "verwirrt". Dazwischen wird in zwei Blöcken die Ursache dieses Geschehens mitgeteilt: Als erstes sind die Menschen an der Reihe. Sie beginnen mit dem Bau von Stadt und Turm "damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder." Ab Vers 5 wird die Reaktion Gottes auf dieses Vorhaben mitgeteilt: Am Ende tritt genau das ein, was vermieden werden sollte: Verwirrung und Zerstreuung.
Formgeschichtlich handelt es sich bei dieser Erzählung um eine Ätiologie. Auf die Frage nach dem Warum der vielen Sprachen antwortet sie mit einem Darum. Quasi nebenbei wird noch der Name der Stadt Babylon (hebr. בבל) mit dem Verb בלל "verwirren" erklärt.
Was diese Geschichte interessant macht, ist die Bewertung der Sprache und des menschlichen Tuns in Vers 6: "Siehe, ein Volk sind sie und eine Sprache haben sie alle, und dies ist erst der Anfang ihres Tuns." Die Hochschätzung der gemeinsamen Sprache geht einher in Verbindung mit einer Reflexion über "ein in der Zukunft zu erwartendes Tun der Menschen"[3]. Die Aussage endet mit der Feststellung, dass den Menschen fortan nichts unmöglich sein werde, was sie sich vornehmen zu tun. Eine beängstigende Konsequenz.
Nimmt man die Geschichte beim Wort, dann ist das göttliche Eingreifen umsonst, wenigstens aber ohne weitergehende Konsequenzen geblieben. Zwar sprechen die Menschen damals wie heute zahlreiche unterschiedliche Sprachen, ihrem Tatendrang ist das allerdings nicht hinderlich. Daher gilt die Feststellung von Vers 6b unverändert: Spricht man eine Sprache ist nichts unmöglich.
[1] Zum Themenkomplex der sog. adamitschen Sprache vgl. U. Eco: Die Suche nach der vollkommenen Sprache. Dtv, München 1997. Zur Kommunikation insgesamt vgl. auch P. Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit. Wahn, Täuschung, Verstehen. Piper, München 1976.
[2] S. Wagner: Artikel אמר. In: Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Bd. I, Sp. 353–373.
[3] C. Westermann: Genesis 1 bis 11. Biblischer Kommentar zum Alten Testament. Ev. Verlagsanstalt, Berlin 1985, S. 733.
